Sissy SichART
lebt und arbeitet in St.Kathrein am Offenegg (Steiermark). Schwerpunkte ihres künstlerischen Schaffens sind Malerei, Skulpturen und Gartenkunst. In einer Höhe von 1000 m über dem Meeresspiegel schuf sie einen Schaugarten – ein lebendiges Atelier, in dem ihre Kunstwerke präsentiert werden.
Ausbildung an der Academy of Fine Art in Bad Homburg (DE).
Schülerin der internationalen Künstlerin Gabrielle Trom.
Sie sind Künstlerin und Gartengestalterin, sehen Sie sich in einem der beiden Felder mehr aufgehoben oder sind die gar nicht voneinander zu trennen?
Diese Frage berührt den Kern meines Schaffens im Jahr 2026. Für mich gibt es hier kein „Entweder-oder“, denn
diese beiden Felder sind untrennbar miteinander verwoben.
Die Symbiose von Wandel und Beständigkeit
Ich sehe mich in beiden Welten gleichermaßen aufgehoben, da sie sich gegenseitig ergänzen und erst gemeinsam mein Gesamtkunstwerk bilden:
- Der Garten als lebendige Skulptur:
In der Gartengestaltung arbeite ich mit der Zeit und dem Leben selbst. Seit ich vor über 25 Jahren begann, eine steile, karge Kuhweide in die heutigen „Hängenden Gärten der Sulamith“ zu verwandeln, ist dieser Ort für mich zu einer Skulptur geworden, die niemals fertig ist. Er ist vergänglich, voller Lebewesen und entfaltet sich in jedem Moment neu. Hier dürfen meine kreativen Ideen buchstäblich Wurzeln schlagen und wachsen. - Der Ton als Anker der Geschichte:
In der Bildhauerei verfolge ich den umgekehrten Ansatz: Hier geht es darum, das Flüchtige – die Faszination für ein menschliches Gesicht und seine Geschichte – einzufangen und festzuhalten. Während der Garten vom Wandel lebt, schenkt der Ton dem Augenblick Beständigkeit.
Das Freiluft-Atelier als Brücke
Die Trennung der Felder löst sich spätestens dann auf, wenn meine fertigen Kunstobjekte ihren Platz im Garten finden. Sie bereichern die Landschaft nicht nur als Ausstellungsstücke, sondern verschmelzen mit den orientalisch anmutenden Themengärten zu einer Einheit. Der Garten wird zum Freiluft-Atelier, in dem Besucher aus aller Welt – von Singapur bis Mexiko – die Kunst in einem lebendigen Kontext erfahren.
Es ist diese Verbindung, die mich erfüllt: Die Freude, kreativ zu sein und zu sehen, wie Menschen die Harmonie zwischen einer geformten Tonskulptur und einer wachsenden Pflanze spüren. Für mich ist die Kunst der Weg, und der Garten ist der Ort, an dem dieser Weg für alle sichtbar wird.
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Wie und wann starteten Sie Ihren Werdegang als Künstlerin? Gab es irgendwann einmal so etwas wie eine Eingebung?
Der Ursprung meiner Kunst: Von den Geschichten in den Gesichtern
Viele Menschen fragen mich, wie und wann mein Weg als Künstlerin begann. Die Antwort liegt nicht in einer Jahreszahl, sondern in einem Moment meiner Kindheit und in der Stimme meiner Großmutter.
Ein Gedicht als Schlüssel zur Welt
Ich war etwa sechs Jahre alt, als mir meine Oma immer wieder ein langes, berührendes Gedicht vortrug. Sie hatte es als Schulmädchen auswendig gelernt – für mich damals eine unvorstellbar ferne Zeit. Sie trug es mit einer Mischung aus Wehmut und Stolz vor.
Es handelte von einem Kind, das die Falten im Gesicht seiner Großmutter betrachtet und neugierig fragt, woher diese kämen. Die Großmutter begann daraufhin zu erzählen: Zu jeder einzelnen Falte gab es ein Ereignis, ein Erlebnis, das nicht nur in ihren Gedanken, sondern auch als bleibende Spur in ihrem Gesicht erhalten geblieben war.
Vom Betrachter zur Bildhauerin
Während ich diesen Worten lauschte, betrachtete ich fasziniert die Falten im Gesicht meiner eigenen Oma. In diesem Moment wurde ein Samen gesät: Von da an versuchte ich, in den Gesichtern der Menschen ihre Lebensgeschichten zu lesen. Ich lernte, dass ein Gesicht mit dem Alter reicher wird – reicher an Erfahrungen, die sich tief eingraben.
Diese Faszination begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Heute sind es nicht mehr nur meine Augen, die diese Geschichten lesen, sondern meine Hände, die sie formen.
Geschichten, geschrieben in Ton
Nach wie vor blicke ich mit derselben kindlichen Neugier in geschichtenreiche Gesichter. Mein künstlerischer Werdegang ist die Fortsetzung dieser frühen Beobachtung: Meine Finger schreiben die Geschichten, die ich in den Menschen sehe, heute in den Ton. Jede Skulptur, jeder Kopf, den ich forme, ist der Versuch, die Würde und die Tiefe eines gelebten Lebens festzuhalten – so wie es das Gedicht meiner Großmutter einst in mein Herz pflanzte.
Sind Sie in einem künstlerischen Umfeld aufgewachsen?
Meine Eltern sind beide künstlerisch veranlagt und ich habe dies sozusagen vererbt bekommen. Meine Mutter entwirft ihre wunderschönen Kleider selbst und lässt ihre Entwürfe sodann von einer Schneiderin anfertigen. Sie wäre sicherlich eine tolle Designerin für ein Modehaus geworden, unterstützt nun jedoch meinen Vater in seiner kreativen Tätigkeit. Mein Vater zeichnet sich durch seine architektonischen Ideen aus, die er selbst in die Tat umsetzt. Ihre gemeinsame Bautätigkeit hält bis heute an.
Wie kam es zu der Idee Ihrer interessanten Frauengestalten?
Die Entstehung der Frauengestalten: Ungehörten Geschichten ein Gesicht geben
Hinter jeder meiner Skulpturen steht eine Frage: Wie viele Geschichten wurden wohl nie in Worte gefasst? Wie viele Erlebnisse, Träume und Schicksale gingen im Laufe der Zeit unerzählt verloren?
Ton als Medium der Seele
In meiner Arbeit habe ich mich bewusst für den Ton entschieden. Es ist ein Material, das in seiner Wandelbarkeit die flüchtige Natur menschlicher Gefühle perfekt einfängt. In diesem Prozess werden meine Hände zu Übersetzern von Empfindungen, die oft schwer in Worte zu fassen sind.
Die Sprache der subtilen Nuancen
Meine Frauengestalten und Köpfe sind von feinen Emotionen durchzogen. Es sind keine lauten Gesten, sondern die leisen Momente, die mich interessieren:
- Ein leichtes, wissendes Lächeln,
- Ein flüchtiger Anflug von Trauer,
- Der tiefe Ausdruck stiller Nachdenklichkeit.
Jedes Werk ist eine Einladung an den Betrachter, innezuhalten und sich in die subtilen Nuancen dieser Gefühlswelten zu vertiefen.
Eine Stimme für das Schweigen
Die Idee zu meinen Frauengestalten entspringt dem tiefen Wunsch, jenen eine Präsenz zu verleihen, die in der Geschichte oft übersehen wurden. Viele Frauen trugen ihre Lasten, ihre Weisheit und ihre Stärke im Stillen. Ich möchte all jenen, die nie eine Stimme erhielten, doch zu Wort kommen lassen.
Indem ich diese ungehörten Geschichten – insbesondere die von Frauen – in Ton forme, gebe ich ihnen ein Gesicht.
Welche Botschaften wollen Sie mit Ihren Skulpturen vermitteln?
Meine Vision: Kunst als Spiegel unserer Menschlichkeit
Wir Menschen tragen alle Geschichten in uns, die uns prägen. In meiner Arbeit als Bildhauerin und Gartenkünstlerin sehe ich diese Geschichten nicht nur als Erinnerungen, sondern als den Weg zu unserem eigentlichen Kern.
Das Tor zum Mitgefühl
Ich bin überzeugt: Erst wenn wir die fantastische Welt der Gefühle selbst durchlebt haben – mit all ihren Höhen und Tiefen –, steht uns das Tor offen, verständnisvoller und mitfühlender zu werden. Dies ist ein lebenslanger Lernprozess, der uns im besten Fall Stück für Stück „menschlicher“ werden lässt.
Mein Wunsch für die Welt
Ich wünsche mir eine Welt, in der wir diese Menschlichkeit als unser größtes Ziel sehen. In einer Zeit, die oft von Hektik und Oberflächlichkeit geprägt ist, soll meine Kunst einen Gegenpol bilden.
Gefühle sichtbar machen
Meine Skulpturen und meine Gärten sollen uns diese Menschlichkeit vor Augen führen. Ich möchte:
- Die Emotionen und Gefühle, die unser Leben begleiten, greifbar machen.
- Dazu einladen, das Verständnis für das Gegenüberdurch das Betrachten eines Gesichts zu vertiefen.
- Einen Raum schaffen – in Ton, Bronze und Natur – in dem wir uns auf das Besinnen, was uns wirklich verbindet.
In den Hängenden Gärten der Sulamith und in jedem meiner Porträts steckt dieser Wunsch: Dass wir einander mit mehr Milde, Neugier und Liebe begegnen, weil wir erkennen, dass wir alle Lernende auf dem Weg zu mehr Menschlichkeit sind.
Werdegang und Medienpräsenz
Chronik eines Lebenswerks: Sissy Sichart & Sulamith
Der Weg von Sissy Sichart ist geprägt von der tiefen Verbindung zwischen familiärer Verwurzelung, künstlerischer Reife und einer außergewöhnlichen medialen Resonanz.
Meilensteine & Familie
- 1992:Hochzeit mit dem Unternehmer Daniel Sichart und Kauf des steilen Grundstücks in St. Kathrein am Offenegg – der Grundstein für die späteren Gärten.
- 1994–2005:Aufbau der Familie mit der Geburt ihrer vier Kinder, die inmitten der entstehenden Gartenwelt aufwachsen.
- 2000:Startschuss für die Terrassierung und Anlage der „Hängenden Gärten der Sulamith“.
- 2005:Offizielle Eröffnung des Schaugartens für Besucher.
Künstlerische Entwicklung & Auszeichnungen
- 2002–2004:Intensive Ausbildung (ART Vision) und Entstehung der ersten expressionistischen Porträts in Mischtechnik.
- 2009–2010:Erste große Einzelausstellungen in Passail, Weiz und Graz mit über 30 Werken.
- 2011–2026:Mehrfache Prämierung beim steirischen Blumenschmuckwettbewerb, darunter dreifaches Gold als schönster Garten der Steiermark.
- 2020–2022:Spezialisierung auf Bronzeskulpturen und Teilnahme an der Vernissage „Akunale“ im Kunsthaus Weiz.
Medienpräsenz & TV-Highlights (Auszug)
Sissy Sichart ist seit über 15 Jahren eine gefragte Expertin in TV und Print:
- ORF & Servus TV:Regelmäßige Porträts in Sendungen wie „Gartenparadiese in Österreich“ mit Karl Ploberger, „Gartln mit Starkl“, „Zurück zur Natur“ sowie „Guten Morgen Österreich“.
- Internationale Aufmerksamkeit:2017 widmete das Schweizer Magazin Herbarella den Gärten einen 6-seitigen Bericht; 2018 berichteten die Salzburger Nachrichten
- Regionale Verankerung:Langjährige Obfrau des Vereins „Garten-Lust“ (2008–2024) und gefragte Gastrednerin sowie Protagonistin in zahlreichen Fachmagazinen (VIA, Servus Magazin, Kleine Zeitung).